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Universität Basel

01. Oktober 2015

Nachfrage nach Haifischflossen bedroht langsam wachsende Arten

Durch Handel bedroht: Der Weisse Hai.
Durch Handel bedroht: der Weisse Hai. (© Terry Goss, CC-BY-SA-3.0)

Forscher der Universität Basel haben einen Zusammenhang zwischen dem internationalen Handel von Haifischflossen und der drohenden Ausrottung von sich langsam vermehrenden Haifischarten nachgewiesen. Dabei konnte auch gezeigt werden, dass fast alle Haifischflossen nach Asien exportiert werden.

Biologen schätzen, dass etwa 100 Millionen Haie pro Jahr getötet werden. Die Bestände von einzelnen Hai-Arten haben sich dabei extrem schnell und stark vermindert. Zwischen 1986 und 2000 soll beispielsweise die Anzahl an Hammerhaien im Nordatlantik um 90% zurückgegangen sein. In der Studie «Shark Hunting: International Trade and the Imminent Extinction of Heterogeneous Species» schliessen die Basler Ökonomen Rolf Weder und Tobias Erhardt, dass dringend Massnahmen gefordert sind, um allen Haien eine Überlebenschance zu geben.

95% nach Asien: Importanteile von Ländergruppen am weltweiten Haifischflossen-Handel im Jahr 2013.
95% nach Asien: Importanteile von Ländergruppen am weltweiten Haifischflossen-Handel im Jahr 2013. (Erhardt und Weder, 2015)

Nachhaltigkeit ist wirtschaftlich uninteressant

Kürzlich wurden 5 von 500 Hai-Arten in das «Übereinkommen über den internationalen Handel mit gefährdeten Arten freilebender Tiere und Pflanzen» aufgenommen – zusätzlich zum Riesenhai, Walhai und Weissen Hai, die schon länger auf der Liste sind. Für deren Handel sind Exportlizenzen erforderlich und die grausame Praxis des «Finning» (das Abschneiden von Flossen auf hoher See und Zurückwerfen der noch lebenden Körper ins Meer) wurde in den USA und der EU verboten. Dennoch kann man die Haie im Grunde als eine nicht regulierte gemeinschaftliche Ressource mit der ihr innewohnenden Tragik der Übernutzung bezeichnen.

Die Ökonomen Weder und Erhardt weisen theoretisch nach, dass der internationale Handel bei nicht geschützten Ressourcen vor allem dann verheerende Wirkungen haben kann, wenn sich eine Ressource einerseits aus Arten zusammensetzt, deren Reproduktionsrate sehr heterogen ist, und diese Arten andererseits im Konsum sehr gute Substitute darstellen. Diese Situation führt dazu, dass Fischer auch dann weiterfischen, wenn einzelne Arten bereits am Rande der Ausrottung stehen. Die Verfügbarkeit von sich schnell fortpflanzenden Arten verhindert so ein Sinken der Produktivität in der Fischerei. Wenn die Arten im Konsum zudem kaum unterschieden werden, steigen die Preise der langsam wachsenden Arten trotz ihrer Dezimierung nicht, was die Einführung eines nachhaltigen Ressourcenmanagements wirtschaftlich weniger interessant macht.

Haifischflossen als Spezialität in Suppen

Beide Annahmen treffen auf Haie zu. Erstens unterscheiden sich die Hai-Arten sehr stark durch ihre intrinsische Wachstumsrate (der Walhai und der Weisse Hai verfügen zum Beispiel über sehr tiefe Reproduktionsraten). Zweitens werden die Haie primär wegen ihrer Flossen getötet, die mehrheitlich in der Haifischflossensuppe landen. Diese zählt als Statussymbol der chinesischen Bevölkerung und wird insbesondere bei Hochzeiten oder Neujahrsfeierlichkeiten konsumiert. Dabei ist ein Rückschluss auf einzelne Hai-Arten kaum möglich, was die Haie im Konsum zu perfekten Substituten macht. In der ökonometrischen Analyse finden die beiden Ökonomen die Hypothesen des Modells durch die Daten bestätigt: Hai-Arten, deren Flossen international gehandelt werden und die eine tiefe Reproduktionsrate aufweisen, sind signifikant stärker vom Aussterben bedroht als andere.

Mögliche Lösungsszenarien

Verschiedene Massnahmen könnten dazu beitragen, die Überlebenschance der Haie zu steigern. Eine besteht darin, die Fischerei zu besteuern, anstatt zu subventionieren. Eine andere, Lizenzen zu vergeben und dadurch den Zugang zu den Gewässern zu beschränken. Die Masse von Haien, die durch bedeutende Haifänger-Nationen wie Spanien getötet werden, liesse sich so auf ein nachhaltiges Niveau reduzieren. Zudem könnten Informationskampagnen in China helfen, die Nachfrage zu dämpfen. Die Forschungsarbeit zeigt erste positive Hinweise zur Nachfrage in China. «Die Frage ist, ob diese Massnahme nicht zu langsam wirkt und zu spät kommt. Es herrscht dringender Handlungsbedarf. Ein Handelsverbot für alle Haifischflossen wäre wohl die kurzfristig wirksamste Lösung», so Rolf Weder.


Weitere Auskünfte

Prof. Dr. Rolf Weder, Universität Basel, Wirtschaftswissenschaftliche Fakultät, Fachbereich Aussenwirtschaft und Europäische Integration, Tel. +41 61 267 33 55, E-Mail: rolf.weder@unibas.ch

Internationaler Handel und Ökologie: Von Haien und Büffeln

Das Schrumpfen der Haibestände zeigt Ähnlichkeiten zur Dezimierung der Büffel in Nordamerika, deren Bestände im 19. Jahrhundert drastisch zurückgingen. Gab es in Nordamerika um 1870 noch 10 bis 15 Millionen Büffel, wurde ihre Anzahl in den darauffolgenden zwölf Jahren auf etwa 100 dezimiert. Der kanadische Wirtschaftswissenschaftler und Ehrendoktor der Universität Basel Prof. Scott Taylor machte 2011 in einer Studie im American Economic Review den internationalen Handel und eine Innovation in Europa, die Büffelleder für eine breite industrielle Verwendung nutzbar machte, verantwortlich. Ab 1870 stieg der Export mit Büffelhäuten von USA nach Europa rasant an. Während das schnell wachsende Asien ähnliche Effekte auf die Haibestände haben dürfte wie Europa für die Büffel in Nordamerika, bestehen auch wichtige Unterschiede. Die Heterogenität der Haie erhöht die Ausrottungsgefahr für einzelne Hai-Arten, während der heutige internationale Informationsaustausch eine Verhaltensänderung bei den Konsumenten zugunsten der Haie auslösen könnte.

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