00:00:01:08 - 00:00:40:17 Georg von Schnurbein Es gibt Untersuchungen, die zeigen, dass Menschen, die sich freiwillig engagieren, gesünder sind, dass sie fröhlicher sind, dass sie zufriedener sind mit ihrem Leben. In der Schweiz werden pro Jahr circa 2 Milliarden gespendet. Und das sind primär Spenden von Herr und Frau Schweizer. Das sind nicht jetzt grosse Stiftungsbeiträge oder Einzelspenden. Jeder Altruismus braucht Egoismus. Und gerade beim Spenden oder beim freiwilligen Engagement sehen wir, dass es für die Menschen auch immer eine Frage ist, was sie selbst davon auch haben oder was es ihnen mit ihnen selber macht. 00:00:40:19 - 00:00:49:00 Georg von Schnurbein Aber das ist ja auch gar nicht falsch. 00:00:49:02 - 00:01:10:13 Catherine Weyer Du spendest Geld für einen guten Zweck, hilfst bei einem Event oder engagierst dich freiwillig in einem Verein und fühlst dich danach irgendwie gut. Aber warum eigentlich? Tun wir das wirklich nur für andere? Oder auch ein bisschen für uns selbst? Für das gute Gewissen? Ein besseres Selbstbild oder vielleicht sogar ein bisschen Anerkennung? Sich für andere einzusetzen, gilt als etwas Positives. 00:01:10:15 - 00:01:33:07 Catherine Weyer Gleichzeitig stellt sich die Frage: Was macht es mit mir? Und welche Erkenntnisse sind wissenschaftlich gesichert? Darüber spreche ich heute mit Georg von Schnurbein. Er ist Professor für Stiftungsmanagement der Universität Basel und erforscht unter anderem, warum Menschen spenden und sich freiwillig engagieren. Das ist Unisonar, der Wissenspodcast der Universität Basel. Georg von Schnurbein, herzlich willkommen! 00:01:33:09 - 00:01:35:18 Georg von Schnurbein Hallo! 00:01:35:20 - 00:01:42:07 Catherine Weyer Wir reden ja oft von Philanthropie und von Altruismus. Was ist das genau? 00:01:42:09 - 00:02:13:08 Georg von Schnurbein Also Philanthropie verstehen wir als jede private, freiwillige Handlung für einen gemeinnützigen Zweck. Das ist ein sehr breites Verständnis. Dazu zählt für uns Freiwilligenarbeit, Spenden, das Gründen von einer Stiftung oder von einer Non Profit Organisation. Also das heisst, Philanthropen sind für uns nicht nur reiche Menschen. Und es ist nicht abhängig von meinem Scheckheft, ob ich Philanthrop oder Philanthropin sein kann oder nicht, sondern es kann eigentlich jeder von uns sich philanthropisch engagieren. 00:02:13:10 - 00:02:19:14 Catherine Weyer Also wenn ich einmal im Jahr 100 Franken spende für eine Organisation, dann bin ich eine Philanthropen. 00:02:19:16 - 00:02:32:16 Georg von Schnurbein Dann ist das eine philanthropische Aktivität. Ob man sich ständig und immer als Philanthropin fühlt oder Philanthrop, das weiss ich nicht. Ob damit das mit der einen Spende getan ist? Aber das zählen wir dazu auf jeden Fall. 00:02:32:18 - 00:02:37:21 Catherine Weyer Und würden Sie auch sagen, dass das eine altruistische Handlung von mir ist, wenn ich Geld spende? 00:02:37:23 - 00:03:05:04 Georg von Schnurbein Altruismus verstehen wir deutlich enger, als es vielleicht in der Presse oder so verwendet wird. Für uns ist Altruismus etwas, was mit einem Opfer zu tun hat. Das heisst, es geht damit ein Wohlfahrtsverlust einher. Ich verliere also etwas und jetzt ist es so: Wenn Sie 100 Franken spenden, dann ist das ja meistens nicht so, dass Sie dann danach nichts mehr zu essen kaufen können oder so, sondern Sie spenden eigentlich aus Überfluss heraus. 00:03:05:06 - 00:03:50:02 Georg von Schnurbein Und insofern ist das nicht wirklich ein Opfer. Eine Organspende ist altruistisch, weil ich dafür tatsächlich ein Opfer bringen muss und dann wirklich etwas mir fehlt, was ich nicht einfach ersetzen kann. Und insofern sprechen wir bei der Philanthropie eigentlich eher von einem anderen Konzept. Und das nennt sich generalisierte Reziprozität. Das heisst, ich gehe davon aus, dass ich helfe, weil ich erwarte, dass mir auch mal geholfen wird, wenn mir etwas zustösst oder wenn ich in Schwierigkeiten bin und generalisiert sagen wir deshalb, weil es nicht ein gegenseitiges Aufrechnen ist, sondern eben innerhalb der Gesellschaft, die davon ausgehen, dass wir uns gegenseitig helfen. 00:03:50:04 - 00:03:53:11 Catherine Weyer Also doch ein bisschen egoistisch? 00:03:53:13 - 00:04:14:12 Georg von Schnurbein Jeder Altruismus braucht Egoismus. Ja, es geht auch darum, was es mir mit mir selbst tut, was ich selbst davon habe. Und gerade beim Spenden oder beim freiwilligen Engagement sehen wir, dass es für die Menschen auch immer eine Frage ist, was sie selbst davon auch haben oder was es ihnen mit ihnen selber macht. Aber das ist ja auch gar nicht falsch. 00:04:14:14 - 00:04:29:05 Georg von Schnurbein Es wäre falsch zu erwarten, dass alles, was wir für andere tun, immer ganz eben altruistisch und unvoreingenommen sein muss und man wirklich ein totales Opfer bringen muss. 00:04:29:07 - 00:04:47:16 Catherine Weyer Es gibt ja wahrscheinlich verschiedene Typen von Spender*innen. Also es gibt die, die schauen, was gibt es bei mir gleich ums Eck, wo ich etwas, wo ich unterstützen kann und andere spenden dann eher auf andere Kontinente. Mit grossen Projekten kann man da so eine gewisse Einteilung machen. Wer wofür spendet? 00:04:47:18 - 00:05:18:01 Georg von Schnurbein Ja, das ist eine ganze Wissenschaft für sich. Dann werden grosse Untersuchungen gemacht zu Spenderinnen-Segmenten und das wird nach verschiedensten Formen, zum Beispiel nach der Grösse der Spende oder nach der Häufigkeit oder eben nach dem Fokus, den man dabei hat, unterteilt. Weil dahinter steht ja auch dann wieder ein ganzer Aktivismus, um Menschen zu überzeugen, zu spenden. Und da muss ich sie natürlich auf die richtige Art und Weise ansprechen. 00:05:18:03 - 00:05:52:23 Georg von Schnurbein Ganz generell würde ich sagen, es ist eben gerade die Vielfalt, die das Spenden ausmacht. Also es gibt eigentlich keinen Zweck, für den nicht gespendet wird und manche fühlen sich eher angesprochen darüber, dass sie über eine Crowdfunding Plattform gemeinschaftlich etwas unterstützen können. Andere wollen eben den unmittelbaren Bezug haben, das heisst, sie würden am liebsten das Geld selber abliefern. Und wieder andere gehen dann eher in die weite Welt hinaus und suchen als effektiver Altruisten den Ort oder die Möglichkeit, wo sie mit ihrem Geld den meisten Menschen helfen können. 00:05:53:00 - 00:06:01:06 Catherine Weyer Steigt die Spendenbereitschaft mit dem Alter oder gibt es da irgendwann einen Knick? Wann spenden die Leute im Schnitt am meisten Geld? 00:06:01:08 - 00:06:23:12 Georg von Schnurbein Also wir spenden ja aus dem Überfluss. Also von dem her hängt das auch ein bisschen von den verfügbaren Mitteln ab und dementsprechend ist sozusagen gibt es da schon eine gewisse Entwicklung. Und in Zeiten, wo man zum Beispiel in der Ausbildung ist oder in der Familiengründung, wird vielleicht im Schnitt weniger gespendet als dann später. Es kommt auch immer darauf an, was man genau anschaut. 00:06:23:14 - 00:06:48:05 Georg von Schnurbein Wenn man jetzt sozusagen die normalen Spenden im Massenmarkt, wie wir das nennen, betrachtet, also Spenden, die durch direkte Mails gesammelt werden oder ähnliche Mechanismen, dort sieht man schon, dass das also die wichtigste Spendegruppe ist, so zwischen 50, 55 und dann bis bis 70 und dann flacht das wieder etwas ab. 00:06:48:07 - 00:07:06:07 Catherine Weyer Und es gibt ja die privaten Spenden und es gibt die Legate, wo dann gleich auf einen Schlag Millionen weitergegeben werden. Ich habe dann da manchmal das Gefühl ja, bringt es überhaupt was, wenn ich jetzt mal einen kleinen Betrag spende? Verglichen mit dem anderen ist es ja nix. Oder ist es da die grosse Masse, die den Unterschied macht? 00:07:06:09 - 00:07:41:23 Georg von Schnurbein Das ist auf jeden Fall die grosse Masse, die einen Unterschied macht. Also in der Schweiz werden pro Jahr circa 2 Milliarden gespendet und das sind primär Spenden von Herr und Frau Schweizer. Das sind nicht jetzt grosse Stiftungsbeiträge und oder Einzelspenden, die gibt es auch, die nehmen auch zu im Gesamten. Aber das wird anders betrachtet. Und man muss auch feststellen, dass die Spenden, die Individualspenden für andere Zwecke gegeben werden als jetzt diese Grossspenden. 00:07:41:23 - 00:08:17:13 Georg von Schnurbein Die Grossspenden gehen häufig an Institutionen, an Museen, an Spitäler, an Universitäten und unterstützen sozusagen das, was, oder ergänzend das, was der Staat auch finanziert. Die Individualspenden gehen vornehmlich an Themen wie Entwicklungshilfe, soziale Zwecke, Kinder, Tierschutz, also Themen, die vielleicht eben näher an der Lebensrealität der Menschen sind und gerade zum Beispiel in der Entwicklungszusammenarbeit ist es so, dass es kaum Stiftungen in der Schweiz gibt, die Entwicklungszusammenarbeit fördern oder das im Zweck stehen haben. 00:08:17:13 - 00:08:29:13 Georg von Schnurbein Das hat sich erst in den letzten Jahren geändert. Aber das traditionell eben die ganzen grossen Hilfswerke wie Heks, Helvetas oder Caritas über Einzel Spenden finanziert wurden. 00:08:29:15 - 00:08:36:20 Catherine Weyer Wenn in den USA die Philanthropie so viel öffentlicher ist, fliesst dann dort auch viel mehr Geld? 00:08:36:22 - 00:09:00:09 Georg von Schnurbein Ja, es wird in den USA sehr viel mehr gespendet. Ich sage mal, Philanthropie gehört in den USA zu einer öffentlichen Sphäre und in der Schweiz oder in Kontinentaleuropa eher zu Privatsphäre und, und das merkt man eben in dem Fall. Also in den USA wird viel aktiver auf Spenden hingewiesen, es wird auch sehr viel mehr gesammelt, es wird auch sehr viel mehr gegeben. 00:09:00:11 - 00:09:25:10 Georg von Schnurbein Man muss das aber immer ein bisschen relativieren. Erstens ist es so, dass in den USA auch ein viel höherer Steuerabzug gewährt wird, das gerade auch zum Beispiel im Erbrecht die Idee der Stiftungen sehr viel stärker verankert wird und auch erwartet wird, dass das passiert. Es ist sozusagen der Anteil, den ich sonst an den Staat zahlen müsste, ist so hoch, dass ich eben sage: Bevor ich es dem Staat gebe, mache ich lieber eine Stiftung. 00:09:25:12 - 00:09:52:01 Georg von Schnurbein Also das, das es der Aspekt und Und wenn man es jetzt mit Europa vergleicht, dann macht es oft den Eindruck, als wären wir hier geizig und würden nicht so viel geben. Aber im Endeffekt ist das eben ein bisschen differenzierter zu betrachten, weil die Spenden in den USA ja eben steuerlich begünstigt werden und dadurch zahlt der Staat dann sozusagen direkt weniger Subventionen. 00:09:52:03 - 00:10:14:00 Georg von Schnurbein In Europa zahlt der Staat mehr Subventionen direkt, die ja über Steuern einsammelt. Und wenn man das dann in den Vergleich stellt, dann sind das am Ende ungefähr ähnliche Beträge. Das heisst, es ist also nicht so, dass die USA grundsätzlich spendenfreudiger sind. Es ist aber so, dass das natürlich mehr zur Kultur gehört, zu geben und auch grosszügig zu geben. 00:10:14:05 - 00:10:21:04 Georg von Schnurbein Es gehört auch mehr zur Kultur, sehr direkt zu fragen. Also, und das wäre alles etwas, was uns ein bisschen fremd vorkommt. 00:10:21:06 - 00:10:30:02 Catherine Weyer Und in den USA ist man entsprechend viel abhängiger von den Spender*innen, die jederzeit sagen können Ja gut, jetzt zahle ich nicht mehr und dann fehlt ein riesen Brocken Geld. 00:10:30:04 - 00:10:57:17 Georg von Schnurbein Ja, gerade in der Kultur sieht man das ja, wenn man sich dann die Vorstände oder Stiftungsräte von grossen Kunstinstitutionen anschaut, dass das natürlich sehr stark getrieben wird durch entsprechende Personen mit einem grossen Geldbeutel. Und das hat dann vor und Nachteile. Einerseits gibt es ein grosses Engagement und auch eine grosse Bereitschaft zur Unterstützung, andererseits eben, wenn es da nicht in die richtige Richtung läuft oder wenn es da wie aktuell politische Differenzen gibt, dann hat das sehr schnell Auswirkungen. 00:10:57:17 - 00:11:00:14 Georg von Schnurbein Auch auf das Budget der Organisation. 00:11:00:16 - 00:11:08:10 Catherine Weyer Und das Verhalten der Spender*innen. Ist das konstant in den letzten Jahrzehnten geblieben oder sehen Sie da auch eine Veränderung? 00:11:08:12 - 00:11:44:14 Georg von Schnurbein Da gibt es natürlich durchaus Veränderungen. Also die eine Veränderung ist das. Das ist eher das, was zurzeit den Hilfswerken ein Problem bereitet, ist, dass sozusagen die klassische Spender*innen-Generation der Nachkriegsgeneration, Babyboomer, dass die jetzt in ein Alter kommt, wo sie eben weniger spenden und die anderen Generationen noch nicht im gleichen Masse nachziehen. Vor allem auch, weil die die typischen Spendenvehikel wie jetzt zum Beispiel eben Direct Mail, also Briefe, die geschickt werden, Bettelbriefe, wie man ja auch sagt, dass die nicht im gleichen Masse dort verfangen. 00:11:44:16 - 00:12:09:24 Georg von Schnurbein Da kommen wir vielleicht später noch darauf zurück. Was sich auch noch verändert hat, ist natürlich die thematische Ausrichtung. Zum Beispiel ist das entwickelt sich mit der Gesellschaft mit. Aktuell sind Themen wie Klimawandel, Umweltschutz und so viel wichtiger geworden. Das ist in den letzten Jahren in die Top drei der wichtigsten Spendenthemen aufgestiegen. Dafür sind andere Themen vielleicht ein bisschen in den Hintergrund gerückt. 00:12:10:01 - 00:12:15:23 Catherine Weyer Was würde denn passieren, wenn die Spenden jetzt plötzlich ausbleiben oder stark zurückgehen würden? 00:12:16:00 - 00:12:45:07 Georg von Schnurbein Das hätte gravierende Folgen auf ganz verschiedenen Ebenen. Also wir können lokal anfangen, dass sehr viele Sportvereine, Jugendinitiativen usw nicht mehr funktionieren würden, weil eben auch dort gerade dort sehr viel mit Spenden funktioniert. Das sind keine grossen Beträge, aber eben für diese Organisationen ist das sehr wichtig. Im Kulturbereich läuft auch sehr viel, gerade im freien Kulturbereich über Spenden und Zuwendungen. 00:12:45:09 - 00:13:13:24 Georg von Schnurbein Und wenn wir dann auf die nationale oder internationale Ebene gehen, dann haben wir jetzt gerade gemerkt Bereich Entwicklungszusammenarbeit durch die Kürzungen bei USA Aid, also dass der amerikanische Staat quasi die Entwicklungshilfe komplett eingestellt hat oder dass auch hier im Land das Bundesparlament Sparübungen macht in dem Bereich, dass dann die Spenden eben wichtig sind, weil damit kann eine Kontinuität gewährleistet werden. 00:13:14:01 - 00:13:33:23 Catherine Weyer Ich kenne die Situation so, dass wenn ich auf die Tram warte und dann kommt eine Organisation und quatscht mich an, ob ich kurz Zeit hätte und dann erklärt sie mir lang und breit, wofür sie mein Geld einsetzen möchten. Und dann denke ich so Ja, eigentlich nicht. Aber ich habe auch total Mühe, diesen Leuten Nein zu sagen. Was ist eigentlich ein guter Zweck? 00:13:34:00 - 00:13:41:03 Catherine Weyer Wie viel Einfluss hat mein schlechtes Gewissen auf meine Spendenentscheidung? 00:13:41:05 - 00:14:08:23 Georg von Schnurbein Ja, da gibt es unterschiedliche Ansatzpunkte. Es ist natürlich so: Wir reagieren darauf, dass wir gefragt werden. Also es gab eine Metaanalyse über ganz viele verschiedene Studien zum Thema Spendengründe. Und eine Konstante in dieser Umfrage war, dass der Fakt, dass man gefragt wird, Also wir laufen nicht rum und überlegen uns, wem könnte ich jetzt wieder mal was spenden? 00:14:09:00 - 00:14:32:13 Georg von Schnurbein Aber wenn wir gefragt werden, dann reagieren wir darauf und häufig fühlen wir uns dann irgendwo auch verpflichtet zu geben. Und das ist. Das nennt man dann ein bisschen auch sozialen Druck. Deswegen funktioniert es auf dem Land oftmals auch noch besser als in der Stadt. Wenn auf dem Land für das Dorffest gesammelt wird, dann gibt eigentlich jeder etwas, weil er natürlich weiss, die anderen schauen auch hin, wer jetzt da sich beteiligt hat. 00:14:32:15 - 00:14:41:05 Catherine Weyer Ist noch interessant, weil wir ja auch gelernt haben, nicht über Geld zu sprechen. Aber das ist halt doch irgendwie überall mitschwingt, diese Erwartungshaltung. 00:14:41:07 - 00:15:04:09 Georg von Schnurbein Ja, das ist eine Definition von Fundraising, die ich immer sehr nett finde, ist eben die, die die freundliche Art um Geld zu fragen. Dass es darum geht, dass beim Fundraising natürlich ich muss andere davon überzeugen, mir Geld zu geben, ohne eine grosse Gegenleistung zu erhalten. Aber dafür gebe ich Ihnen eben das gute Gefühl, dass sie an etwas Grossem mitgewirkt haben. 00:15:04:11 - 00:15:13:09 Catherine Weyer Sie haben die Bettelbriefe erwähnt und das, die früher sehr gut funktioniert haben und heute nicht mehr. In welche Richtung entwickelt sich denn das Fundraising? 00:15:13:11 - 00:15:48:23 Georg von Schnurbein Ja, wie in anderen Bereichen auch, ist es natürlich eine Digitalisierung, die hier passiert. Das heisst, online Spenden werden stärker eingesetzt. Andere Formen der der digitalen Kommunikation mit SMS-Spenden zum Beispiel haben manche Organisationen gute Erfahrungen gemacht. Das Problem ist einfach: Das ist in noch weit, bei weitem nicht im gleichen Verhältnis wie die klassischen Spendenbriefe. Das hat und oder die Gründe dafür liegen in den in den Voraussetzungen. 00:15:49:00 - 00:16:19:09 Georg von Schnurbein Der Brief kommt nach Hause, ich kann den zu Hause rumliegen haben. Ich kann mir Zeit nehmen, den zu lesen oder auch nicht. Aber ich habe eine viel höhere Involvierung sozusagen. Beim SMS-Fundraising oder auch bei Online Fundraising ist es oft ein Impuls, der sehr schnell passiert und wo die sozusagen die Involvierung viel geringer ist. Man hat es gesehen Nach dem Einfall Russlands in die Ukraine sind die online Spenden für Ukraine in die Höhe geschnellt. 00:16:19:10 - 00:16:48:16 Georg von Schnurbein Innerhalb von zwei drei Wochen und danach war es wieder auf Vorzeitniveau. Das heisst dann war der News Effekt weg und man hatte sich dran gewöhnt und dann hat man sich auch nicht mehr drum gekümmert. Die Organisationen, die sehr auf Spenden basieren, merken das heute daran, dass sozusagen die Spender Treue, wie man das nennt, abnimmt. Das heisst, wenn jemand spendet, dann hat er früher oftmals im Durchschnitt vier fünf Jahre sozusagen die der Organisation die Treue gehalten und gespendet. 00:16:48:18 - 00:17:07:00 Georg von Schnurbein Und heute ist es eben so bei einer Online Spende. Ich sehe dann an Spenden für die Ukraine, ich spende und dann achte ich eigentlich gar nicht so genau, welche Organisation das war. Und wenn ich dann später ein Mail von dieser Organisation bekomme und die mich um eine weitere Spende bittet, dann kann ich mich vielleicht gar nicht mehr erinnern oder finde das dann gerade nicht passend, weil ich eigentlich schon wieder ein anderes Thema habe. 00:17:07:00 - 00:17:09:07 Georg von Schnurbein Was mich interessiert. 00:17:09:08 - 00:17:24:04 Catherine Weyer Wie sind denn die einzelnen Beträge bei diesen Online Spenden? Ich mir so vorstellen, wenn ich nicht so eine Person direkt gegenüber hab, da ich mein Geld in die Hand drücken muss, dann dann spende ich vielleicht halt nur zwei Franken und bei einem persönlichen Kontakt wären es dann vielleicht 50 gewesen. 00:17:24:06 - 00:17:58:12 Georg von Schnurbein Ja, also die die Höhe der Online Spenden ist niedriger, aber jetzt also nicht vielleicht im Rahmen von 20 25 Franken, während eben bei normalen Spenden es durchaus 50 bis 100 sind. Und da spielt natürlich auch eine Rolle, dass auch etwas, was wir jetzt zurzeit uns mit mit einem Forschungsprojekt anschauen, ist, inwieweit sozusagen da auch eine Verkleinerung der Spenden stattfindet, obwohl man sozusagen gleichzeitig die die gleiche Anerkennung noch bekommt. 00:17:58:14 - 00:18:14:02 Catherine Weyer Wenn sie jetzt nicht mehr in erster Linie die Institution sind, die Spenden anfragen, sondern das auch immer wieder Crowdfunding etc. gemacht wird, rutscht dann das ganze Spendenwesen so langsam in den Privatbereich hinein? 00:18:14:04 - 00:18:54:18 Georg von Schnurbein Grundsätzlich hat der Spendenmarkt keine Eintrittsbarrieren. Also jeder kann einen Spendenaufruf starten und da gibt es auch wunderschöne Geschichten, wo Menschen einfach aus einem Impuls heraus sich für ein Thema engagiert haben, Spendenaufruf an die sozialen Medien gestellt haben und unheimlich grossen Erfolg gehabt haben. Und das macht das Ganze natürlich auch attraktiv. Durch das Crowdfunding wird das Ganze organisatorisch einfacher und besser strukturiert und ich kann heute mit relativ wenig Aufwand auf einer Plattform wie Go, Go and Me oder We Make it oder anderen Plattform einen Spendenaufruf platzieren und dann einfach schauen, was passiert. 00:18:54:20 - 00:19:17:07 Georg von Schnurbein Das ist ein Trend, der sich sicherlich verstärken kann. Man hat das jetzt zum Beispiel nach Crans-Montana nach dem nach der Brandkatastrophe gesehen, dass dort auch sehr schnell dann Spendenaufrufe für einzelne Personen gemacht wurde und dann auch das ein bisschen im Widerspruch zu den allgemeinen Spendenaufrufen stand, wo man gesagt hat, na ja, das will man das jetzt einzeln kanalisieren. 00:19:17:07 - 00:19:48:10 Georg von Schnurbein Und der, der am lautesten sozusagen auf sich aufmerksam macht, der kriegt dann am meisten. Oder läuft das über entsprechende strukturierte Bahnen, wo dann entsprechende Verteilungen auch stattfinden? Also hier sieht man, dass die heutigen technologischen Möglichkeiten natürlich solche privaten Engagements oder private direkte Beziehungen ermöglichen und auch vereinfachen und insofern wird sich das sicherlich in der Zukunft noch mehr ergeben. 00:19:48:12 - 00:19:51:15 Catherine Weyer Und juristisch ist das kein Problem? 00:19:51:17 - 00:20:16:09 Georg von Schnurbein Eine Spende ist immer eine Schenkung. Das heisst, ich gebe Geld her, freiwillig, ohne gezwungen zu sein, das zu tun. Und wenn ich das mache und ich habe das Geschenk, dann, dann ist das so, da kann ich später auch nicht kommen und es wieder zurückfordern. Also insofern, das ist auch ein bisschen das Problem, dass natürlich im Spendenbereich es immer wieder zu Versuchen kommt, das Ganze auszunutzen oder die Gutmütigkeit der Menschen auszunutzen. 00:20:16:11 - 00:20:43:02 Georg von Schnurbein Und die Reaktion des Sektors sind halt Gütesiegel, wie zum Beispiel das Zero Gütesiegel oder der Ehrenkodex, wo man sich daran orientieren kann und sagen kann, Wenn die Organisation dieses Gütesiegel hat, dann kann ich ihr Vertrauen. Also wenn ich auf Go Fund My irgendjemanden unterstütze, dann sollte ich das mit bestem Wissen und Gewissen machen und danach eben auch nicht denken, dass ich jetzt da gross noch informiert werde oder so. 00:20:43:04 - 00:21:04:07 Catherine Weyer Sie haben vorhin schon mal die Vereine erwähnt, und die sind ja nicht nur auf Geldspenden angewiesen, sondern auch auf freiwilliges Engagement. Wie ist die typische Person, die sich freiwillig engagiert? Ist das jemand, der eher in einem kleinen Pensum arbeitet? Ist das eine eher junge oder alte Person? Wie sieht die aus? 00:21:04:09 - 00:21:53:03 Georg von Schnurbein Also das ist die der Schönheit der Statistik. Also der Statistik nach ist die durchschnittliche die durchschnittliche Freiwilligenperson ist weiblich, um die 55 bis 60 Jahre alt und protestantisch. Das und eher besser gebildete auch, aber das ist natürlich der Mittelwert. Also darum verändert sich natürlich dann, je nachdem je nach Bereich. Auch verändert sich das sehr stark. Grundsätzlich in der Tendenz kann man das aber schon sagen, dass natürlich freiwilliges Engagement bedingt einen ein gewisse Stabilität im Leben sonst weil wenn ich grad genug anderes um die Ohren habe, dann habe ich nicht Zeit und Musse, mich auch irgendwo noch freiwillig zu engagieren. 00:21:53:05 - 00:21:59:05 Catherine Weyer Sie haben bei den Geldspenden die Reziprozität erwähnt. Funktioniert die bei der Freiwilligenarbeit auch? 00:21:59:07 - 00:22:29:14 Georg von Schnurbein Ja, dort ist es natürlich vielleicht ein bisschen anders gelagert. Also ich, ich engagiere mich. Und es spielt natürlich auch eine Rolle, was ich aus diesem Engagement für mich direkt herausbekommen. Weniger jetzt, dass ich erwarte, dass ich irgendwann mal auch von jemandem freiwillige Hilfe bekomme, sondern mehr, dass ich mir eben anschau: Macht es mir Spass, engagiere ich mich, weil zum Beispiel meine Kinder in dem Verein tätig sind und deswegen gehe ich dann dort in den Vorstand und mache dann Freiwillige Arbeit. 00:22:29:14 - 00:22:56:05 Georg von Schnurbein Oder engagiere ich mich, weil mich das Thema persönlich auch interessiert? Und dann bin ich in einer Kunstorganisation ehrenamtlich tätig oder in der Kunstvermittlung in einem Museum freiwillig engagiert. Weil ich, weil ich eben Kunst mag und weil mich die Beschäftigung mit Kunst auch interessiert. Usw. Das heisst, die Verbindung zwischen dem, was ich geben kann, und dem, was ich, was ich für mich selber habe, ist vielleicht etwas enger als beim Spenden. 00:22:56:07 - 00:23:02:06 Catherine Weyer 2 Milliarden Franken spenden die Schweizer*innen. Kann man das auch aufrechnen? Auf die Freiwilligenarbeit. 00:23:02:08 - 00:23:38:17 Georg von Schnurbein Bei der Freiwilligenarbeit gibt es eine Zahl, dass das circa 650 Millionen Stunden Freiwilligenarbeit pro Jahr geleistet werden. Das wird dann zum Teil auch sozusagen umgerechnet in Geld. Das finde ich aber ein bisschen schwierig, weil das ist ja die Frage: Wenn jetzt zum Beispiel ein Anwalt ein Wanderweg in den Alpen reinigt, berechne ich das dann nach seiner Anwaltsstunde, die er verrechnen würde, oder als ungelernte Hilfskraft und demnach finde ich das falsch, wenn man da dann das versucht monetär zu berechnen. 00:23:38:19 - 00:24:06:07 Georg von Schnurbein Aber es ist so: 1/3 der Arbeitsleistung im Non Profit Bereich und das sind immerhin knapp 180.000 Arbeitsstellen insgesamt, also 1/3 da drauf noch mal hochgerechnet, das sind, das sind die Freiwilligen und das heisst also vieles, was im Non Profit Bereich, sei es in der Kultur, in der Bildung, im Sport, im Sozialwesen geleistet wird. Wäre es uns nicht möglich. 00:24:06:09 - 00:24:11:09 Catherine Weyer Sind das die gleichen Menschen, die Geldspenden tätigen oder ist es quasi entweder oder? 00:24:11:11 - 00:24:51:09 Georg von Schnurbein Nein, Zeit ist viel kostbarer. Also im Schnitt engagieren sich in der Schweiz um die 30 % der Menschen freiwillig regelmässig. Aber verglichen zu den 77 %, die regelmässig spenden, ist das eben deutlich weniger. Und das zeigt eben, dass das Spenden auch oftmals so ein bisschen als ein, als ein Katalysator wirkt. Das heisst, damit kann ich im Impuls, wenn ich sehe, da ist eine Naturkatastrophe passiert, da ist was Schlimmes passiert und ich möchte helfen, dann kann ich über das Spenden diesen Impuls schneller und direkter befriedigen, als dass ich dann tatsächlich Zeit auch aufwenden kann. 00:24:51:11 - 00:25:08:09 Catherine Weyer Wenn die Geldspenden langsam das Problem haben, dass die Leute nicht mehr so loyal sind, dass sie nicht mehr mehrere Jahre lang spenden. Ich stelle mir vor, jetzt gerade in der Vereinsstruktur wir sind auch darauf ausgelegt, dass man da mehrere Jahre zum Beispiel ein Amt bekleidet. Haben die Vereine Probleme? 00:25:08:11 - 00:25:52:21 Georg von Schnurbein Ja, da gibt es grosse Veränderungen. Auch bei den freiwilligen Engagement stellen wir fest, dass die Einsatzzeiten sich verkürzen. Wir nennen das episodic voluntearing, also zeitlich befristete Einsätze. Man konnte das schön sehen hier in Basel, letztes Jahr beim Eurovision Song Contest. Da wurde eine Homepage aufgeschaltet, wo man sich freiwillig melden konnte oder vorab melden konnte für freiwillige Einsätze. Und da haben sich innerhalb weniger Stunden 7000 Menschen gemeldet, als sie dann gehört haben, was genau die Konditionen waren, nämlich dass man sich für mindestens zehn Tage verpflichten muss und an diesen zehn Tagen mindestens vier Stunden Einsatz jeweils leisten muss, also das Ganze ein bisschen auch konsistent hatte. 00:25:52:23 - 00:26:19:06 Georg von Schnurbein Da ist die Zahl dann deutlich runtergegangen und man hat am Ende hatte man 700 Freiwillige, die tatsächlich engagiert waren, was auch noch eine sehr grosse Zahl ist, aber eben sozusagen die diese die Idee: ich kann mal kurz einen halben Tag irgendwo helfen oder so, dafür finde ich immer Personen. Aber wenn ich jetzt jemand suche, der zehn Jahre dann als Kassier in einem Verein tätig ist, dann wird es heute schwierig. 00:26:19:08 - 00:26:24:11 Georg von Schnurbein Das ist jetzt nicht, weil die Menschen heute nicht mehr so interessiert sind, sondern auch, weil sich die Gesellschaft verändert hat. 00:26:24:13 - 00:26:30:11 Catherine Weyer Liegt das auch daran, dass wir als einfach von der Arbeit her viel stärker eingebunden sind. 00:26:30:13 - 00:26:54:20 Georg von Schnurbein Dass auch manches an der Arbeit vielleicht stärker involviert man ist, man ist auch mobiler. Das heisst, allein schon die Tatsache, dass ich vielleicht nicht mehr zehn Jahre am gleichen Ort wohne, hat natürlich eine Auswirkung auf meine Verbindung. Und früher waren die Menschen natürlich viel häufiger einfach dort, wo sie zur Schule gegangen sind, dann auch in der Arbeit tätig usw und dann sind sie quasi mitgewachsen. 00:26:54:21 - 00:27:26:09 Georg von Schnurbein Also aus dem Turnverein, als Kind dann irgendwann in Übungsleiter und vielleicht einmal den Vorstand. Heute wechselt man mehrfach die Stadt, ist dann unterwegs und dadurch verlieren sich natürlich dann auch die die Bezüge. Da gibt es jetzt einzelne Vereine oder Verbände, die da dem entgegenwirken. Also wenn zum Beispiel bei Pro Velo glaube ich, machen die das, Wenn dort in einem Kanton jemand wegzieht und sich abmeldet auch als Mitglied, dann erfahren die ja, wohin der zieht und dann melden die das, wenn sie dürfen. 00:27:26:10 - 00:27:41:02 Georg von Schnurbein Das ist heute mit Datenschutz alles nicht mehr so einfach, melden die das der jeweiligen Kantonalvereinigung und die können sich dann bei der Person melden und sagen Schau mal, hier gibt es auch pro Velo. Auf die Weise versucht man die Leute als zumindest als Mitglieder zu halten. Das heisst ja noch nicht, dass die sich auch engagieren. 00:27:41:04 - 00:27:49:23 Catherine Weyer Das ist dann eben auf nationaler Ebene. Aber ich nehme an, für so einen kleinen Turnverein, der jetzt im Sankt Johann ist, wenn die Person wegzieht, ist sie dann einfach weg. 00:27:50:04 - 00:28:15:00 Georg von Schnurbein Genau das wirkt sich natürlich aus. Auf die Möglichkeiten, Leute zum Engagement zu überzeugen. Was auch dazukommt, ist natürlich, dass heute die Voraussetzungen und auch die Anforderungen ganz andere sind. Nehmen wir nur das Thema Haftung und Verantwortlichkeit, gerade im Jugendbereich. Wenn ich mich bei der Pfadi engagiere als Gruppenleiter, da muss ich heute so viele Sachen berücksichtigen und muss darauf achten. 00:28:15:00 - 00:28:28:24 Georg von Schnurbein Und wer einem Kind passiert dann was? Dann habe ich natürlich grosse Probleme. Vielleicht, und das hat man früher sehr viel lockerer genommen, mit Vor und Nachteilen natürlich. Aber das hat auch eine Auswirkung. 00:28:29:01 - 00:28:32:14 Catherine Weyer Können diese Vereinsstrukturen überhaupt noch überleben in der heutigen Zeit? 00:28:32:16 - 00:28:58:17 Georg von Schnurbein Ich glaube schon. Aber natürlich müssen sich die Vereine fragen, wie sie für die Zukunft sich aufstellen wollen. Also das heisst, ich muss flexibler werden in meinen Strukturen, muss vielleicht Ämter auf mehrere Personen aufteilen, muss kürzere Amtszeiten einplanen, muss vielleicht eher die Planung machen wie wie sieht die Nachfolge aus? Also Menschen längerfristig auf ein Amt vorbereiten, das das gibt. 00:28:58:18 - 00:29:10:01 Georg von Schnurbein Da gibt es Veränderung. Und natürlich sehen wir auch, dass sich viele Menschen heute ausserhalb von Vereinsstrukturen eigentlich organisieren, also zum Beispiel über eine Facebookgruppe, und das reicht ihnen dann. 00:29:10:03 - 00:29:32:07 Catherine Weyer Früher hatten ja Vereine auch eine wahnsinnig starke Funktion als Netzwerk, sei es jetzt, dass ich eben ich bin im Verein grossgeworden und ich kenne gefühlt die halbe Stadt dadurch oder ich bin eine Zugezogene. Und damit ich überhaupt Anschluss finde, gehe ich meinen Verein. Hat der Verein diese Funktion noch oder ist das jetzt auch mit den ganzen sozialen Netzwerken? 00:29:32:13 - 00:29:35:08 Catherine Weyer Brauchen wir das eigentlich gar nicht mehr? 00:29:35:10 - 00:30:10:20 Georg von Schnurbein Da hat sich auch sicherlich was verändert. Eben. Kontaktanbahnung läuft heute über Tinder, etwa über Linkedin oder andere soziale Netzwerke. Je nachdem, was man sucht und wir sagen immer die Vereine, die waren natürlich eine eine Erfindung des 19. Jahrhunderts zur Lösung der gesellschaftlichen Probleme des 19. Jahrhunderts eben. Damals konnte man sich als Bürgerinnen und Bürger ja nicht einfach irgendwo zusammenrotten, sage ich jetzt mach, sondern es brauchte eben eine Vertrauensbasis auch gegenüber, dass der Staat dem Ganzen vertraut hat. 00:30:10:20 - 00:30:35:20 Georg von Schnurbein Und dadurch sind die Vereine entstanden als gesellschaftlicher Zusammenschluss und das war ja ein Riesenerfolg. Ich meine, es gibt in allen Bereichen des Gesellschaft, sei es Kultur, sei es Bildung, sei es Wirtschaft, sei es Familienthemen, soziale Themen, Religion. Überall gibt es Vereine, aber die Gesellschaft verändert sich eben. Und dann stellen sich auch die Frage Ist das noch die gleiche Art und Weise? 00:30:35:22 - 00:31:01:03 Georg von Schnurbein Wollen die Menschen heute noch als Mitglied sich verpflichten? Ja, viele finden das schon als eine Belastung, irgendwo Mitglied werden zu müssen, sondern die sind es gewohnt, sich irgendwo zu registrieren. Ja, aber nicht dann unbedingt auch damit, demokratische Rechte ausüben zu müssen. Das heisst, die Idee, dieser Clubgedanke, der wurde ja von der Wirtschaft auch verwendet. Ja, man kann heute bei vielen Sachen Club-Mitglied sein. 00:31:01:05 - 00:31:37:09 Georg von Schnurbein Bekannt ist sie im Mikroclub, aber auch bei vielen anderen Firmen kann ich Clubmitglied werden. Profitiere von Vorteilen. Und das ist das, was die Menschen heute vor allem sehen dass sie Vorteile haben, dass sie dafür vielleicht auch Rechte haben könnten. Wie in einem richtigen Verein, das interessiert eben viele gar nicht. Und deswegen muss man sich schon fragen, wie der Verein der Zukunft sozusagen aussieht, ob das eben etwas flexiblere Strukturen sind, ob man das Ganze nicht mehr ganz so juristisch auch fest verpacken muss, weil das ist natürlich auch ein Aspekt. 00:31:37:14 - 00:32:05:10 Georg von Schnurbein Der Verein ist im ZGB geregelt, das ist eine juristische Person. Damit hat man auch gewisse Befugnisse, zum Beispiel ein Konto eröffnen für einen Verein. Das kann ich sonst nicht. Und da ist es zum Beispiel interessant zu sehen, dass die Klima Jugend in Deutschland, also Fridays for future. Die hatten keinen Vereinsstrukturen und das Konto von Friede ist vor Future war das Privatkonto eines 18-jährigen und da lagen an die ganzen Millionen. 00:32:05:10 - 00:32:31:12 Georg von Schnurbein Diese Organisation drauf. Das wird heute so akzeptiert oder wird vielleicht auch geschätzt, keine Ahnung. Aber das ist eben eine Veränderung, die wir in der Gesellschaft sehen. Und dann kann man nicht sagen Ja, ihr müsst aber jetzt an diesen Strukturen festhalten, weil die im 19. Jahrhundert so gut funktioniert haben, sondern dann muss man sich eben fragen Welche zivilgesellschaftlichen Strukturen brauchen wir heute, damit die Bedürfnisse der heutigen Gesellschaft gedeckt werden können? 00:32:31:14 - 00:32:39:04 Catherine Weyer Wenn wir uns jetzt in 20 Jahren noch mal treffen? Glauben Sie dann, es gibt so was wie den Verein noch? 00:32:39:06 - 00:33:09:05 Georg von Schnurbein Das auf jeden Fall. Und zwar deshalb, weil für gewisse Aspekte im Leben sind diese Strukturen unheimlich hilfreich. Also um sich zu organisieren, um sich um Koordinationsleistungen in der Gesellschaft zu erbringen, sind Vereine unheimlich wichtig. Also nehmen wir die ganzen Verbände, die unheimlich viel zum Funktionieren der Wirtschaft beitragen. Oder zum Beispiel Es gibt kein Ligabetrieb ohne einen Vereinsstruktur und einen Verbandsstruktur möglich. 00:33:09:05 - 00:33:13:03 Georg von Schnurbein Wirklich? Also ausser man macht es dann quasi total kommerziell. 00:33:13:05 - 00:33:21:20 Catherine Weyer Wir haben jetzt viel darüber gesprochen, welche Vorteile die Gesellschaft hat, wenn ich Zeit oder Geldspende. Aber was bringt es mir persönlich? 00:33:21:22 - 00:33:45:07 Georg von Schnurbein Das ist eine ganze Menge und es gibt sehr viel Forschung, die zeigt, das Geben gibt. Ja, also wenn ich im Grunde, wenn ich mich freiwillig engagiere, dann habe ich eigentlich mehr davon als was ich anderen gebe. Im Endeffekt. Also es gibt Untersuchungen, die zeigen, dass Menschen, die sich freiwillig engagieren, gesünder sind, dass sie fröhlicher sind, dass sie zufriedener sind mit ihrem Leben. 00:33:45:09 - 00:34:10:14 Georg von Schnurbein Und all das zahlt so viel auf das Leben ein. Das kann ich nicht monetär berechnen, das kann ich auch nicht monetär verwerten. Aber für mein Leben bringt mir das so viel mehr. Und das ist auch wichtig, dass man das immer wieder weitergibt. Und das spielt unabhängig von von Vereinsstrukturen oder so einen ist es einfach wichtig, dass Menschen merken, wenn ich mich engagiere, wenn ich mich beteilige, dann gibt mir das selber auch was. 00:34:10:16 - 00:34:40:09 Georg von Schnurbein Und das sehen wir eigentlich in fast allen Studien, die wir machen. Wir fragen da immer auch sozusagen, ob es eine Bereitschaft gibt, sich später auch weiterhin zu engagieren. Und bei denen, die sozusagen ein positives Erlebnis mit dem Freiwilligenengagement machen, trifft das eigentlich immer zu. Was deshalb wichtig ist im Umkehrschluss ist, dass man Rücksicht nimmt auf die Freiwilligen, dass man die also auch wahrnimmt als eine besondere Kategorie von Mitarbeitenden in der Organisation. 00:34:40:11 - 00:34:44:08 Catherine Weyer Also sollen wir alle Sorge tragen zu unserem freiwilligen Teil? 00:34:44:10 - 00:35:03:01 Georg von Schnurbein Ja, das wäre schön, wenn wenn das noch stärker gemacht wird. Und es gibt ja auch Anstrengungen, zum Beispiel hier im Kanton Basel-Stadt wird immer am 5. Dezember, das ist der internationale Tag der Freiwilligen, wird ins Foyer vom Theater eingeladen. Und dann bedankt sich der Kanton bei den Freiwilligen, die kommen wollen. Und da kommen dann immer 800-900 Personen. 00:35:03:03 - 00:35:06:01 Georg von Schnurbein Und es ist mal ein sehr netter Anlass. 00:35:06:03 - 00:35:31:13 Catherine Weyer Vielleicht schaffe ich es dieses Jahr auch mal? Ich habe von meinen vielen herzlichen Dank bitte. Das war Unisonar, der Wissenspodcast der Universität Basel. Das war die achte Staffel. Wenn ihr euch für weitere Gespräche rund um die Wissenschaft interessiert, hört gern in unsere früheren Staffeln rein. Dort geht es um Gender, Gerechtigkeit, Drogen und vieles mehr. Bald geht es hier weiter mit neuen Folgen. 00:35:31:15 - 00:35:36:07 Catherine Weyer Folgt uns, damit ihr nichts verpasst. Mein Name ist Catherine Weyer. Bis bald.